“Ich glaube an das Pferd”
mit diesen Worten beschwichtigte Kaiser Wilhelm besorgte Vertreter der Pferdezüchter, die die Entwicklung des Automobils Böses ahnen ließ. Aus heutiger Sicht eine glatte Fehleinschätzung. Die ketzerische Frage, die der VSD-Präsident Dr. Christoph Müth in der Zeitschrift Druckmarkt stellt, lautet: wird es Druckereien ähnlich ergehen wie dem Transportmittel Pferd? Angesichts der objektiven Schwierigkeiten der Branche eine berechtigte Frage. Die technologischen Entwicklungen im Internet und die gegenwärtige Rezession lassen nichts Gutes erwarten. Und doch sieht Müth durchaus Möglichkeiten, Wertschöpfung zu generieren:
1. den Wettlauf der Investitionen gewinnen
Die Chancen dazu seien durchaus vorhanden, denn ab einer gewissen Größe mit hohem technologischen Vorsprung sind Arbeitskosten kaum noch relevant. Außerdem ist Geld in aufstrebenden Ländern viel teuter als bei uns. Gelingen dürfte diese Strategie allerdings nur kapitalkräftigen global playern – Mittelständlern ist dieser Weg kaum möglich.
2. Nischen systematisch bearbeiten und entwickeln
sicherlich eine Binsenwarheit, über die sich die gesamte Branche den Kopf zerbricht. Welche Alleinstellungsmerkmale möglich wären, deutet Müth allerdings noch nicht mal an, sondern verweist auf den Nutzen kritischer Berater – da hätte ich mehr erwartet.
3. Nachhaltigkeit
für Müth könnte dieser Trend langfristig zu einer teilweisen Deglobalisierung führen, denn schließlich mache es wenig Sinn, das Papier zunächst aus Finnland nach China zu schiffen, um nachher die fertigen Druckprodukte zurückzuführen. Der reine Einkauf von Zertifikaten komme beim Publikum allerdings als Zynismus an, wenn die Unternehmen nicht ernsthaft an diese Themen herangehen.
Die Frage, ob das Internet nicht gerade in Fragen der Nachhaltigkeit das Medium der Wahl ist, stellt Müth allerdings erst gar nicht.
4. Regionale Druckzentren
Müth sieht einen Trend der Zukunft ganz klar in der Reduktion der gesamten Druckleistung in relativ wenige, regionale Druckzentren. Die Digitalisierung und Standardisierung der Druckprozesse, neue Drucktechnologien (Kurzfarbwerke) und der Verkauf über das Internet führen zwangsläufig dahin. Dieser letzten These kann ich nur zustimmen.
Was mich an Müth besonders beeindruckt, ist seine Offenheit. Seiner Ansicht nach sollten Unternehmer der Branche in 2009 entweder mit unternehmerischem Witz und einer griffigen Strategie aufwarten oder aber sich über einen kreativen Ausstieg Gedanken machen – so deutlich hat es bislang wohl kaum jemand gesagt.

